Post Digital Work, die Bilder und die Kunst: Einige Fragen vorab

Andreas Beaugrand

„Wie mächtig wird die KI? Verheißungen und Gefahren der Superintelligenz“ titelt der Spiegel in Ausgabe Nr. 37 vom 5. September 2025 und stellt damit einmal mehr die derzeit viele bewegende Frage, in welchem Ausmaß sich unsere Welt durch künstliche Intelligenz verändert; dass sie das tut, steht außer Frage, auch im Hinblick auf die Kunst, die Bilder und die Wissenschaften.
Die Diskussion um Herkunft, Bedeutung, Aussage und Zukunft des Bildes und später des bewegten Bildes hat am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Bielefeld eine lange Tradition. Angefangen mit der Einrichtung der Fotografie als Studienfach innerhalb des Grafikstudiums in den 1970er-Jahren über die Etablierung einer eigenen fotografischen Studienrichtung Visuelle Kommunikation bzw. Fotografie und Bildmedien in den 1980er-Jahren bis zur Entstehung eines eigenen Forschungs- und Entwicklungsschwerpunktes 1984 mit seinen Fotografiesymposien von 1979 bis 2014 und den damit verbundenen bzw. daraus entstandenen Kolloquien, Tagungen, Ausstellungen und Buchprojekten seit den 2000er-Jahren ging es in Theorie und Praxis grundsätzlich darum, das unbewegte und bewegte Bild an sich in seiner ganzen Dimension zu erfassen.(1)
Parallel dazu entwickelte sich bereits seit der Mitte der 1960er-Jahre insbesondere in der Kybernetik die (bildgebende) Computerkunst unter der leitmotivischen Fragestellung, mit welchen technischen Hilfsmitteln ohne Verwendung des Fotoapparats Bilder generiert werden können und ob ‚Apparate‘ überhaupt in der Lage sind, künstlerisch-fotografische Bilder zu erzeugen – eine Entwicklung, die die Fotografieprofessoren Gottfried Jäger und Karl-Martin Holzhäuser am Fachbereich aufnahmen und zusammen mit anderen Kollegen aus fachverwandten Wissenschaften zur Etablierung der Generativen Fotografie führten.(2) Eine Aufstellung der kooperierenden Wissenschaftler und der referierenden Gäste am Fachbereich entpuppt sich schnell als Who is Who? der generativen und apparativen Foto- und Computerkunst in Theorie und Praxis: Max Bense, Kilian Breier, Pierre Cordier, Andreas Dress, Vilém Flusser, Herbert W. Franke, Eugen Gomringer, Hein Gravenhorst, Helmut Heißenbüttel, Klaus Honnef, Béla Julesz, Rolf. H. Krauss, Frieder Nake, Georg Nees, A. Michael Noll, Martin Warnke, Lambert Wiesing, Albrecht Zipfel und viele andere mehr waren an diesen Diskussionen beteiligt.
An diese beachtliche Entwicklung schließt das im Jahr 2020 etablierte Studienprogramm Digital Media and Experiment (DMX) am Fachbereich Gestaltung an. Mit der Berufung der Professoren Claudia Rohrmoser, Herwig Scherabon, Alexander Trattler-Hilgenböcker und – für den Bereich des Generativen in der Studienrichtung Fotografie und Bildmedien – Adrian Sauer, der Anstellung von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie der Gewinnung von ausgewiesenen Spezialisten als Lehrbeauftragte gelangt die wissenschaftliche Debatte um bildgebende Verfahren und ihren wissenschaftlichen Kontext in eine neue Dimension. Haben künstlich-künstlerisch und ‚automatisch‘ – hier wörtlich gemeint: mit Hilfe von Automaten – generierte Bilder Gültigkeit, ohne dass sie etwas ‚Reales‘ oder gar ‚Wahres‘ abbilden? Sind sie als optische Visualisierungen autonom?
Mit diesen Fragestellungen befindet sich der Fachbereich Gestaltung der Hochschule Bielefeld tatsächlich am berühmten ‚Puls der Zeit‘, denn der technische wie gesellschaftliche Diskurs ist höchst aktuell, was sich einerseits in der Entwicklung der Medienkunst in den vergangenen gut 25 Jahren spiegelt: Ein Hinweis auf das 1989 gegründete Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe, das 1979 gegründete und einmal jährlich stattfindende Ars Electronica Festival in Linz als Ort für den Dialog zwischen Kunst, Technologie, Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft, die seit 2004 bestehende transmediale in Berlin, das seit 2011 bestehende Haus der elektronischen Künste in Basel oder die seit 2022 stattfindende KI Biennale in Essen möge hier genügen; die weiteren Entwicklungen in dieser Hinsicht, etwa der 2023 eröffneten Dead End AI Gallery in Amsterdam und des geplanten DATALAND Museums für KI-Kunst in Los Angeles, werden zu beobachten sein.
Andererseits hat sich die computerdominierte Welt seit dem 30. November 2023 einmal mehr grundlegend verändert. An diesem Tag veröffentlichte das US-amerikanische Software­Unternehmen OpenAI seinen neuentwickelten Chatbot ChatGPT, mit dem Nutzer über textbasierte Nachrichten und Bilder eines Large Language Models (LLM) menschenähnlich kommunizieren können. Zwar entsteht bei der Visualisierung von Prompts noch Sonderbares und Fehlerhaftes – etwa bei Fingern oder Gliedmaßen, ‚Personen‘ sind zumeist weiße Männer(3) und Deutsche sind Bayern –, aber das wird sich finden, weil die ohnehin nicht mehr zu überblickende Zahl heute verfügbarer Daten immer weiter wächst und die technischen Erfassungs- und Speichermöglichkeiten verbessert werden. Die ‚Intelligenz‘ und Geschwindigkeit der Datenauswertung in nahezu jedem Lebensbereich verdeutlichen die Big-Data-Dynamik und die der digitalen Technologien, die schon heute eine neue Ära digitaler Kommunikation und Produktion sowie in sozialer Hinsicht einen gesellschaftlichen Umbruch eingeleitet haben, dessen Ergebnis offen ist. Industrie 4.0 und das Prinzip der cyberphysischen Systeme stehen für das jüngste Paradigma der industriellen Produktion und für einen Innovationssprung in der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine sowie die digitale Vernetzung von Mensch, Maschine und Werkstück (Internet of Things, IoT+). Heute sind weltweit mehr als 30 Milliarden Geräte im loT vernetzt, vor fünf Jahren waren es noch 20 Millionen, im Jahr 2018 waren es nicht einmal halb so viele. Wie viele werden es 2071 sein? Künstliche Intelligenz (KI), selbstlernende Algorithmen und die gleichzeitige Analyse größter Datenmengen befähigen KI-Anwendungen, komplexeste Aufgaben zu bewältigen. Die digitale Transformation löst den unternehmerischen Betrieb als physischen Ort der Wertschöpfung weiter auf und die Möglichkeiten der digital und grenzüberschreitend vernetzten Herstellung von smarten oder individualisierten Produkten und Dienstleistungen entwickeln sich rasant. Flexibilisierung des Arbeitsortes, räumliche Dezentralisierung, E-Commerce und die Verwischung von Arbeits- und Lebenswelt werden gänzlich andere Gesellschaftsverhältnisse entstehen lassen als die, die wir jahrzehntelang gewohnt gewesen sind. Wir befinden uns damit in einer Umbruchszeit, die – so meine These – ähnlich bedeutend und welt- wie gesellschaftsverändernd ist wie ähnlich Epochales zu anderen Zeiten:
Innovationen, Entdeckungen und Erfindungen erhitzen und bewegen die Gemüter der Menschen seit jeher und wurden entweder aus „theologischen, medizinischen, philosophisch-moralischen“ und sogar „polizeilichen Gründen“ verteufelt(4) oder – ganz im Gegenteil – ‚gehypt‘, Tradition und Moderne standen und stehen nicht nur gesellschaftspolitisch in einem nahezu unüberwindbar erscheinenden Konflikt.
So hat beispielsweise die katholische Kirche das heliozentrische Weltbild, das Nikolaus Kopernikus (1473–1543) in seiner kurz vor seinem Tod erschienenen Schrift De Revolutionibus beschrieben hatte, noch 1616 – lange nach der Reformation! – offiziell widerrufen, auf den Index verbotener Bücher gesetzt und lediglich als Hypothese gestattet. 1633 musste auch Galileo Galilei (1564–1641) unter dem Zwang der Inquisition seine Lehren über das kopernikanische Weltsystem widerrufen, weil wissenschaftliche Wahrheit nach wie vor unerwünscht war, da sie den Machtanspruch der Kirche erschütterte. Der Erfindung der Dampfmaschine 1712 folgten während der Industrialisierung 1844 die schlesischen Heimweberaufstände, die ihrerseits zu politischen Verwerfungen im deutschen Vormärz und schließlich zur Revolution von 1848/1849 führten. Ebenso ist die Geschichte der Eisenbahn mit dampfmaschinengetriebenen Lokomotiven seit ihrer ersten Inbetriebnahme in Deutschland am 19. Februar 1835 eine Geschichte des Widerstands gegen Neues. Strukturelle Verwandtschaften finden sich ebenfalls in der Geschichte der künstlichen Helligkeit und der des Automobils Ende des 19. Jahrhunderts und der Etablierung der Computertechnologie seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Noch Anfang der 1980er-Jahre erntete man Spott, Häme und mitleidiges Grinsen, wenn man begeistert von der Schulinitiative … lad 100 møller blomstre … ATOMKRAFT? NEJ TAK! im dänischen Tvind berichtete, die sich Anfang der 1970er-Jahre das Ziel gesetzt hatte, eine große Windkraftanlage zu bauen, die am 26 März 1978 in Betrieb ging und bis heute läuft – und zusammen mit all den Rädern heute knapp 60 Prozent des dänischen Energiebedarfs deckt. Auch der kollektive Widerstand gegen die Entwicklung des Internets seit Mitte der 1960er-Jahre oder das beharrliche Sträuben gegen die fortschreitende Elektromobilität zeugen vom allgegenwärtigen Beharren in Konventionen – es sei denn, man wittert rasche Gewinne: Dann schwenkt die Lobby um – aktuell, wie man erleben kann, auch im Digitalen und im Bereich der Künstlichen Intelligenz, denn wieder geht es um Geld und Macht und den Protest dagegen.
Kollektive Ablehnung der boomenden KI-Technologien und internationaler (sozialer) Medienhype halten sich seitdem die Waage, wissenschaftlicher Betrug wird leichtgemacht, Utopien und Untergangszenarien stehen sich gegenüber und computergenerierte (NFT-)Kunst überflutet, die Börsen erschütternd, den Markt. Als Beispiel seien gewinnmaximierende Kunstprojekte wie die erste NFT-Kollektion The Currency mit 10.000 Arbeiten namens Love Sells des britischen Blue Chip Artist Damien Hirst aus dem Jahr 2022 oder das auf einem Algorithmus basierende Gemälde Portrait of Edmond De Belamy des Kunstkollektivs Obvious der französischen Künstler Hugo Caselles-Dupré, Pierre Fautrel und Gauthier Vernier vier Jahre zuvor genannt. Letztgenanntes hat das Auktionshaus Christie’s kurze Zeit später für 432.500 US-Dollar (!) versteigert. Wer kauft denn sowas?
Es wird also noch einige Zeit brauchen, um die Qualitätsfrage bei den Ergebnissen maschineller Lernverfahren im Kontext künstlicher neuronaler Netzwerke (KNN) bei der vergleichsweise neuen Artificial Intelligence Art grundlegend und angemessen diskutieren zu können, denn es geht um mehr, als auf der Basis weniger Vorgaben mit Hilfe von Text-zu-Bild oder Video- bzw. Bild-zu-Bild-Generatoren wie DALL-E (ebenfalls von OpenAI), Midjourney aus dem gleichnamigen Forschungsinstitut in Kalifornien, Stable Diffusion, entwickelt zur 3D-Animation u.a. von der Ludwig-Maximilian-Universität München, dessen Quellcode vollständig Open Source ist, FluxAI aus Freiburg im Breisgau oder durch eine maschinelle Nachbearbeitung mit der 2015 von Google veröffentlichten DeepDream-Technik etwas zu generieren, das dann die Bezeichnung ‚Kunst‘ verdient und kritischen Fragen zu Urheberschaft, Kreativität, ethischer Verantwortung, dem Wert von Kunst an sich sowie zum Einfluss algorithmischer Prozesse auf traditionelle Kunstverständnisse stand hält. Das sind neue und aktuelle Themen für die Kunst- und Bildwissenschaften, die die Frage diskutieren müssen, ob es mit Hilfe der neuen bildgebenden digitalen Techniken gelingen kann, etwas Künstlerisches zu schaffen, das in Entstehung und Wirkung qualitätsvoll, gültig und berührend ist – so, wie es der in Bielefeld lebende und arbeitende Künstler Marek Bieganik 1999 beschrieben hat: Kunst ist „ein emotionale(r) und bewusste(r) Akt des Schaffens. Der Schöpfer vereinigt sich mit der Leinwand, geht ins Bild hinein, wird zum geistigen und gefühlsmäßigen Teil des Bildes. Er vereint sich mit dem inspirierenden Thema, mit der Form, der Farbe, der Komposition. Das Bild fängt zu sprechen an. Es folgt der Dialog mit dem Schöpfer, das Bild gewinnt an Selbstbewusstsein, Formsicherheit und Dasein. Dieser Augenblick des schöpferischen Aktes löst die Kraft des Bildes aus, die den Schöpfer völlig absorbiert, aus ihm die Vitalität, die Farbe zieht. Der Schöpfer wird zur Nahrung des Bildes. Dieser Zustand zieht sich hin, bis Farben und Formen zum Vorschein kommen – bis zur vollständigen Geburt des Werkes. Der Schöpfer bleibt psychisch und körperlich erschöpft zurück. Das Bild entsteht.“(5)
Vielleicht gelingt es auch den Lehrenden und Studierenden in der Studienrichtung DMX, diese Frage zu beantworten – auch indem sie Beispiele in diese Richtung generieren – und die vielen anderen damit zusammenhängenden Aspekte zu neuen Erkenntnissen und Ergebnissen zu führen. Einen ersten umfassenden Beitrag dazu leistet in Theorie und Praxis die vorliegende Publikation über die im Sommer 2025 im LWL-Industriemuseum Ziegelei Lage gezeigte beeindruckende Ausstellung Post Digital Work.

Anmerkungen:
(1) Vgl. Andreas Beaugrand, Gerhard Renda (Hg.): Werkkunst. Kunst und Gestaltung in Bielefeld 1907–2007, Bielefeld 2007, und Martin Roman Deppner, Gottfried Jäger (Hg.): Denkprozesse der Fotografie. Beiträge zur Bildtheorie. Die Bielefelder Symposien 1979–2009, Bielefeld 2010.
(2) Vgl. dazu u.a. Andreas Beaugrand (Hg.): Gottfried Jäger. Fotografie als generatives System. Bilder und Texte 1960–2007, Bielefeld 2007, und Gottfried Jäger, Enno Kaufhold (Hg.): Fotokunst im Kontext (2 Bände), Berlin 2014, sowie Andreas Beaugrand (Hg./ed.): 50 Jahre Zukunft. FH Bielefeld 1971–2021 / 50 Years of Future. Bielefeld UAS 1971–2021, Bielefeld 2021, hier speziell die Beiträge zum Fachbereich Gestaltung.
(3) Wie übrigens auch die aktuellen KI-Entwickler international; Frauen gibt es nur wenige. Siehe Der Spiegel Nr. 37 vom 5. September 2025, S. 3, 8 ff. Das sollte sich rasch ändern!
(4) Kölnische Zeitung vom 28. März 1819.
(5) Zitiert nach Andreas Beaugrand: Marek Bieganik. Substantia. Wesensgründe der Malerei, Bielefeld 2012, S. 9. Marek Bieganiks Stellungnahme zur Entstehung seiner Bilder entstand im Kontext der Ausstellungsvorbereitungen Kunst bei Ehrlinger. Marek Bieganik, Bad Salzuflen, und Marek Bieganik. Der Bielefelder Kunstverein bei Vintage 51 in Bielefeld im Jahre 1999.